Stadtflucht – Landflucht

Stadtflucht – Landflucht

(Ein Stück Lebensgeschichte Teil 1)

Ich blicke ein paar Jahre zurück und erinnere mich:

Mein Sohn kam viel zu früh auf die Welt…als er nach einem Jahr endlich den SD1 Monitor (sudden infant death) runter bekam, entschloss ich mich aufs Land zu ziehen. Die bessere Luft würde ihm gut tun und auch meine damals dreijährige Tochter würde davon profitieren.

Gesagt. Getan. Ich zog aufs Land…nach Niederösterreich, wo ich selbst ja geboren bin.

In meiner Karenzzeit genoss ich das Landleben. Als ich wieder zu arbeiten anfing, fingen die Probleme an. In diesem kleinen Ort gibt es keine Jobs. So kam es, dass ich jeden Tag nach Wien pendelte, um einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen. Ich saß am Tag 2,5 Stunden im Auto, um zur Arbeit nach Wien zu kommen und wieder zurück.

Mit den Busintervallen konnte ich leider nichts anfangen. Ich musste ja die Kinder in den Kindergarten bringen und dann sofort zur Arbeit nach Wien fahren. Wenn der Bus einmal pro Stunde verkehrt, geht sich das nicht aus, ich würde immer zu spät zur Arbeit kommen und könnte auch die Kinder nicht rechtzeitig abholen.

Also fuhr ich mit dem Auto. In Wien kam das nächste Problem: die Kurzparkzonen und die Parkpickerlpflicht. Ich hatte kein Recht auf ein Parkpickerl, da ich ja in Wien in diesem Bezirk nicht gemeldet war. Nun füllte ich alle 1,5 Stunden Parkscheine aus. Da der Benzinverbrauch, der Kindergarten, die Parkscheine, die Miete, die Heizung u.v.m. höher waren als mein Verdienst, suchte ich mir einen zusätzlichen Job. Ich war mittlerweile Alleinerzieherin. Ein paar Monate später hatte ich 4 Jobs, um all das bezahlen zu können.

Wenn dann mal der Kindergarten oder die Volksschuleanriefen, um mir mitzuteilen, dass z.B. die Trommel vom Kasten auf mein Kind gefallen war, musste ich die Arbeit verlassen und sofort hinfahren. Ich hatte großes Glück, mein Hauptarbeitgeber (heute mein Klient) war/ist ein wundervoller Mensch. Er hatte immer Verständnis dafür. Viele Alleinerzieher haben dieses Glück leider nicht.

Nun, ich war nur noch am Arbeiten. Die übrige Zeit verbrachte ich mit meinen Kindern.

Wir hatten kein Geld über, um jeden Tag ins Bad zu gehen oder an diversen Ortsfesten teilzunehmen. Oft waren die Kindergarten- und Schulausflüge schwer zu bezahlen. Ich gab mein Bestes, als Personalverrechnerin, als Kassiererin in einer ländlichen Drogeriemarktkette, als Buchhaltungsvorbereiterin, als Putzfrau in einer ländlichen Diskothek.

Aber ich war müde. Immer wieder kamen die Momente, wo ich mich fragte: Warum gehst du nicht einfach zum AMS? Nein, das wollte ich nie. Ich erlebte durchweinte Nächte, ich wusste oft nicht, was stelle ich zum Frühstück auf den Tisch, woher?

Meine Nachbarn waren sehr liebe Menschen, aber man kann sich in solchen Situationen nicht immer ganz öffnen und die eigene Geschichte erzählen. So gerne würde man jemand bitten die ausgehängte Schranktüre wieder einzuhängen, beim Ausmalen des Kinderzimmers zu helfen…

Es sind noch so viele Momente, die ich nie im Leben vergessen werde. Es sind so viele Menschen in ländlichen Gegenden, die ich so gut verstehe.

All das erzähle ich euch im nächsten Teil…